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Willy Brandt

* 18.12.1913 - † 08.10.1992


Willy Brandt wurde am 18. Dezember 1913 als Herbert Ernst Karl Frahm in Lübeck geboren und von seiner Mutter Martha Frahm, einer Verkäuferin im Konsumverein, und seinem Großvater Ludwig Frahm, einem Lastwagenfahrer, erzogen. Den Namen seines leiblichen Vaters, des Buchhalter John Möller aus Hamburg, erfährt Willy Brandt erst nach dem I. Weltkrieg.

Bereits im Alter von drei Jahren schicken ihn Mutter und Großvater in die Kindergruppe des Arbeitersports. Er spielt im Arbeiter-Mandolinenclub und tritt in der Bühnenspielgruppe auf. Als Jugendlicher schließt sich Willy Brandt der sozialistischen Jugendbewegung "Die Falken" an.

1927 schließt Willy Brandt den Besuch der Realschule ab und erhält ein Stipendium am Lübecker Johanneum, einem angesehenen liberalen Reform-Realgymnasium. Willy Brandts Interessen richten sich frühzeitig auf politische Fragen. Sein Vorbild und geistiger Vater ist der Lübecker Sozialdemokrat Julius Leber, Chefredakteur des "Lübecker Volksboten", Mitglied der Lübecker Bürgerschaft und Abgeordneter im Reichstag. Bereits im Alter von 15 Jahren veröffentlicht Brandt im sozialdemokratischen "Lübecker Volksboten" Beiträge.

1929 tritt Willy Brandt in die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) ein und im darauf folgendem Jahr wird er, auf Vorschlag Julius Lebers, Mitglied der SPD.

1932 legt er am Lübecker Johanneum sein Abitur ab. In dieser Zeit entfernt sich Willy Brandt politisch immer mehr von der SPD, die ihm im Kampf gegen den Nationalsozialismus und bei der Verwirklichung der Ziele des Sozialismus nicht kämpferisch genug erscheint. Auf der "Reichskonferenz oppositioneller Sozialdemokraten" in Berlin wird im Jahre 1931 die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) gegründet, die sich von der SPD und von der KPD abgrenzt. Willy Brandt schließt sich der SAP an, die bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 lediglich das enttäuschende Ergebnis von 0,2% der Wählerstimmen erreicht. Durch seinen Austritt aus der SPD verliert Brandt ein in Aussicht gestelltes Universitätsstipendium und seine Mitarbeit am "Lübecker Volksboten" wird aufgekündigt.

Als am 30. Januar 1933 die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler an die Macht gelangen, ruft Willy Brandt die Jungarbeiter der Stadt in Flugschriften zum "antifaschistischen Kampf" durch "Sammlung der linken Kräfte" auf. Der neunzehnjährige Herbert Ernst Karl Frahm nimmt den Decknamen Willy Brandt an, unter dem er im März 1933 als Delegierter zum illegalen Parteitag der SAP nach Dresden reist.

Willy Brandt wurde, nach der gescheiterten illegalen Ausreise von Paul Frölich, der einen SAP-Stützpunkt in Oslo aufbauen sollte, mit dieser Aufgabe betraut und verlässt im April 1933 im Alter von 19 Jahren, mit Hilfe des Fischers Paul Stooß, seine Familie und Deutschland und flüchtet nach Dänemark.

Seit April 1933 setzt Willy Brandt seinen Kampf gegen die Nationalsozialisten in Oslo fort. Er schafft es in kürzester Zeit die Landessprache zu erlernen, was für ihn als Journalisten von existentieller Bedeutung ist, denn er muss sich mit journalistischer Arbeit sein Brot verdienen.

Um den Auftrag der im Untergrund kämpfenden SAP zu erfüllen, einen Stützpunkt aufzubauen, knüpft Brandt Kontakte zur Führung der Norwegischen Arbeiterpartei (DNA), engagiert sich im Norwegischen Arbeiterjugendverband (AUF) und organisiert einen geheimen Kurierdienst zur Parteileitung nach Berlin. Er engagiert sich in der Seemanns-Matrosengewerkschaft und schließt sich dem traditionsreichen Osloer Arbeiterverein an. Er wird hierdurch vollberechtigtes Mitglied der DNA.

Zu dieser Zeit gibt es noch kein gesetzlich verbrieftes Recht auf Asyl in Norwegen. Brandt ist daher auf die Duldung der norwegischen Fremdenpolizei angewiesen. Um seinen Aufenthalt im Lande zu legalisieren, immatrikuliert er sich an der Königlichen Fredericks-Universität Oslo und legt eine Vorprüfung in Philosophie ab.Als politischer Journalist in Norwegen verfasst Brandt zahlreiche Zeitungsartikel und Bücher.

Willy Brandt leitet in Oslo neben der SAP-Außenstelle seit Oktober 1933 auch die zentrale Auslandsstelle des Sozialistischen Jugendverbandes Deutschlands (SJV).

Im Februar 1934 nimmt Brandt als Vertreter des SJV an einer internationalen Konferenz linkssozialistischer Jugendorganisationen in Laaren (Niederlande) teil. Sein Großvater Ludwig Frahm, geboren 1875, nimmt sich 1934, ein Jahr nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der erzwungenen Flucht des Enkels, krank und verzweifelt das Leben.

Von September bis Dezember 1936 hält er sich, getarnt als norwegischer Student unter dem Namen Gunnar Gaasland, illegal in Berlin auf um in diesem Zeitraum die Berliner SAP-Untergrundorganisation "Metro" zu leiten.

Im Jahre 1937 schickt die SAP-Leitung Willy Brandt nach Barcelona, um dort eine internationale sozialistische Jugendkonferenz vorzubereiten. Während seines Aufenthaltes berichtet er für die norwegische Arbeiterpresse über den Bürgerkrieg.

Im Jahre 1938 wird Willy Brandt von den Nationalsozialisten die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen, woraufhin er den Entschluss fast, Antrag auf Einbürgerung in Norwegen zu stellen.

Am 1. September 1939 überfallen die Truppen der deutschen Wehrmacht Polen und am 10. April 1940 Norwegen. Willy Brandt muss vor der Gestapo aus Oslo fliehen, die ihn, wie auch andere deutsche Emigranten, verhaften will.

Auf Anraten seines Freundes Paul Gauguin, Enkel des berühmten Malers, zieht Brandt eine norwegische Uniform an und lässt sich mit norwegischen Soldaten von den deutschen Truppen gefangen nehmen. Im Juni 1940 wird er, unerkannt, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrt für kurze Zeit nach Oslo zurück, von wo aus er im August gleichen Jahres nach Schweden flüchtet und hier zunächst interniert wird.

Im August 1940 wird Brandt, nachdem er von der norwegischen Exilregierung die norwegische Staatsbürgerschaft erhalten hat, von der norwegischen Botschaft in Stockholm, ein neuer Pass ausgestellt. Im Winter 1940/41 kehrt Brandt noch einmal illegal nach Norwegen zurück und nimmt Verbindung zum norwegischen Widerstand auf.

Seit 1941 lebt Brandt in Stockholm und heiratet in diesem Jahr Carlota Thorkildsen und deren gemeinsame Tochter Ninja wird 1940 geboren. Seit 1942 leitet er das schwedisch-norwegische Pressebüro und ebenfalls zu dieser Zeit tritt Brandt wieder in die SPD ein.

Im Mai 1945 wird Norwegen von der deutschen Besatzung befreit und Willy Brandt kehrt von Stockholm nach Oslo zurück. Im Oktober 1945 reist Brandt im Auftrag der skandinavischen Arbeiterpresse als Berichterstatter zum Hauptkriegsverbrecherprozess nach Nürnberg. Während dieser Reise macht er einen Abstecher nach Lübeck um seine Mutter wieder zu sehen, die er zuletzt 1935 in Kopenhagen getroffen hat.

Seine Eindrücke über den Prozess fasst Brandt in einem Buch zusammen, das 1946 unter dem Titel "Forbrytere og andre tyskere" ("Verbrecher und andere Deutsche") in Oslo erscheint.

Am 6. September 1946 tritt Willy Brandt auf einer Versammlung der Lübecker SPD, erstmals seit 1933 wieder öffentlich in Deutschland auf.

Im November 1945 bietet er Kurt Schumacher, dem Beauftragten der SPD zum Wiederaufbau der Partei für die westlichen Besatzungszonen, seine Mitarbeit an und nimmt 1946 als Gastdelegierter am ersten Parteitag der SPD in Hannover teil.

Willy Brandt kehrt im Januar 1947 als norwegischer Staatsbürger nach Deutschland zurück, nachdem er das Angebot der norwegischen Regierung für die Dauer eines Jahres als Presseattaché an der norwegischen Vertretung beim Alliierten Kontrollrat in Berlin tätig zu sein, angenommen hat.

Im Oktober 1947 wird Willy Brandt von Erich Brost, der "Beauftragte des SPD-Parteivorstandes in Berlin und bei den alliierten Kontrollbehörden", gebeten, seine Nachfolge anzutreten.

Nachdem Willy Brandt sich entschieden hatte, das Angebot anzunehmen und wieder in die deutsche Politik zurückzukehren, wird er am 1. Januar 1948 zum Nachfolger Brosts berufen. Im Juli 1948 erhält Willy Brandt, von der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung die deutsche Staatsbürgerschaft unter dem Namen "Herbert Ernst Karl Frahm, genannt Willy Brandt" zurück und im August 1949 genehmigt der Polizeipräsident von Berlin die Namensänderung in Willy Brandt. Im gleichen Jahr heiratet Willy Brandt in zweiter Ehe die Norwegerin Rut Hansen, die ihn als seine Sekretärin nach Berlin begleitet hatte und im Oktober 1948 wird ihr erster Sohn Peter wird geboren.

Während der Berliner Blockade 1948/49 arbeitet Willy Brandt eng mit dem Regierenden Bürgermeister von West-Berlin Ernst Reuter zusammen. Ende 1949 wird Willy Brandt zum Vorsitzenden der SPD in Berlin-Wilmersdorf gewählt und im Spätherbst 1949 legt Willy Brandt seinen Posten als Vertreter des SPD-Parteivorstandes in Berlin nieder.

Nach den Bundestagswahlen wird Willy Brandt im August 1949 als einer der ersten acht Berliner Abgeordneten Mitglied des 1. Deutschen Bundestages und ist bis 1957 Berliner Vertreter im Ersten und Zweiten Deutschen Bundestag. Im Dezember 1950 wird Willy Brandt in das Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt, dem er bis 1969 angehört und dem er von 1955 bis 1957 als sein Präsident vorsteht.

Am 3. Oktober 1957 wird Willy Brandt, nach dem Tod Otto Suhrs, zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt. Im November 1958 fordert der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow die amerikanische, britische und französische Schutzmacht für West-Berlin ultimativ auf, sich aus der Stadt zurückzuziehen. Der Westteil der Stadt soll "entmilitarisiert" und in eine "Freie Stadt" umgewandelt werden. Willy Brandt weist das Moskauer Ultimatum mit Nachdruck zurück.

Willy Brandt wird 1958 zum Vorsitzenden der Berliner SPD und auf dem im gleichen Jahr in Stuttgart stattfindenden Parteitag in den Parteivorstand der SPD gewählt. Auf einer USA-Reise im Frühjahr 1959 wirbt Brandt mit großem Erfolg und begleitet von zahlreichen Sympathiebekundungen für die Interessen Berlins. Eine Einladung Chruschtschows lehnt er mit der Begründung ab, "nicht mit einer Macht sprechen zu wollen, die den Status der Stadt (Berlin) zu ändern beabsichtige".

Im November 1960 wird Willy Brandt auf dem Parteitag in Hannover zum Sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten gegen Konrad Adenauer gewählt. In der Bundestagswahl von 1961 erringt die SPD mit 36,2 % der abgegebenen Wählerstimmen ihr bis dahin bestes Ergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik. Der erhoffte Machtwechsel bleibt jedoch aus. Die CDU/CSU und die FDP bilden eine Koalitionsregierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Am 13. August 1961 beginnt der Bau der Berliner Mauer und der Flüchtlingsstrom in den Westen versiegt. In einem persönlichen Schreiben vom 16. August 1961 fordert Brandt den 35. amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy auf, eine deutliche politische Initiative zu ergreifen, aber Kennedy lehnt in seinem Antwortschreiben jede politisch-moralische Verantwortung der USA für den Bau der Berliner Mauer ab.

Gemeinsam mit Egon Bahr, dem Leiter des Berliner Presse- und Informationsamtes, entwickelt Brandt außenpolitische Leitgedanken die im Juli 1963 auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing veröffentlicht werden und die Basis für seine spätere Neue Ostpolitik bilden. Die von Willy Brandt und Egon Bahr neu konzipierte Politik wird mit Begriffen wie "Wandel durch Annäherung" (Bahr) und "Politik der kleinen Schritte" (Brandt) umschrieben.

Im Juni 1963 besucht der amerikanische Präsident John F. Kennedy Berlin und bekräftigt mit seinem Bekenntnis "Ich bin ein Berliner" die amerikanische Unterstützung für die geteilte Stadt und die Politik Willy Brandts.

Nach dem Tod Erich Ollenhauers wird Willy Brandt auf dem außerordentlichen Parteitag der SPD in Bad Godesberg im Jahre 1964 zum Parteivorsitzenden gewählt und bestreitet so 1965 erneut als Kanzlerkandidat der SPD den Bundeswahlkampf. Sein politischer Gegner ist der frühere Wirtschaftsminister und "Vater des Wirtschaftswunders" Ludwig Erhard, der Konrad Adenauer im Jahre 1963 als Bundeskanzler abgelöst hat. Die SPD erringt 39,3 % der abgegebenen Wählerstimmen. Die CDU/CSU und FDP können aber erneut die Regierungsmehrheit im Deutschen Bundestag stellen und so bleibt Ludwig Erhard Bundeskanzler.

Willy Brandt ist von diesem Wahlergebnis zutiefst enttäuscht und überlegt, ob er sich noch einmal als SPD-Spitzenkandidat zur Verfügung stellen soll. Die Partei stärkt Brandt 1966 auf dem Parteitag in Dortmund jedoch den Rücken und bestätigt ihn fast einstimmig, mit 324 von 326 abgegebenen Stimmen, als Parteivorsitzenden der SPD.

Nach dem Rücktritt Ludwig Erhards (CDU) vom Amt des Bundeskanzlers im November 1966 und dem Scheitern seiner Regierung aus einer Koalition zwischen CDU/CSU und FDP, erwägt Willy Brandt eine Koalition mit der FDP einzugehen.

In der Nacht zum 1. Dezember 1966 fällt in der SPD-Bundestagsfraktion die Entscheidung für eine Koalition mit der CDU/CSU (Große Koalition) unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU). Brandt, nunmehr als Vizekanzler und Bundesaußenminister Mitglied der Bundesregierung, tritt von seinem Amt als Regierender Bürgermeister von Berlin zurück.

Auf der NATO-Ratstagung vom Juni 1968 fasst Willy Brandt seine ostpolitischen Erfahrungen zusammen, legt ein Bekenntnis zur NATO ab und gibt Anregungen für eine neue Friedenspolitik. Das "Signal von Reykjavik", das eine beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierung in Mitteleuropa anstrebt, wird von ihm mitformuliert.

Die ost- und deutschlandpolitischen Gemeinsamkeiten zwischen Bundeskanzler Kiesinger und Außenminister Brandt verringern sich jedoch bis zum Ende der Legislaturperiode im Jahre 1969 immer mehr, denn die CDU/CSU ist nicht bereit, den Status quo in Europa anzuerkennen.

Willy Brandt befürwortet die heftig umstrittenen Notstandsgesetze, die die Große Koalition mit einer entsprechenden Änderung des Grundgesetzes verabschieden will. Die Notstandsgesetze legen die Handlungsvollmachten des Staates im Krisen- oder Verteidigungsfall fest, wobei die im Grundgesetz garantierten persönlichen Freiheiten der Bürger (Briefgeheimnis, Versammlungsfreiheit u. ä.) im Fall des nationalen Notstands eingeschränkt werden können. Er sieht in ihnen einen wichtigen Schritt der Bundesrepublik auf dem Weg zu ihrer vollen inneren Souveränität, da mit den deutschen Regelungen die letzten Vorbehaltsrechte der drei Westalliierten entfallen.

Im Frühjahr 1969 wird Gustav Heinemann mit den Stimmen der SPD und FDP in der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten gewählt und so bekleidet nach dem Liberalen Theodor Heuss und dem Christdemokraten Heinrich Lübke erstmals ein Sozialdemokrat das Amt des Staatsoberhauptes der Bundesrepublik Deutschland.

Willy Brandt tritt bei den Bundestagswahlen im Jahre 1969 wieder als Kanzlerkandidat der SPD an und seine Partei erreicht erstmals über 40 Prozent der Wählerstimmen. Doch die Unionsparteien bleiben trotz leichter Verluste stärkste Fraktion. Wahlverlierer ist die FDP. Dennoch besteht rechnerisch die Möglichkeit einer Regierung aus SPD und FDP. Willy Brandt einigt sich mit Walter Scheel, dem Vorsitzenden der FDP, auf die Bildung einer sozialliberalen Koalition. Am 21. Oktober 1969 wird Willy Brandt vom Deutschen Bundestag zum Bundeskanzler gewählt.

Im August 1969 starb Willy Brandts Mutter.

Im August 1970 unterzeichnen Willy Brandt und der sowjetische Ministerpräsident Aleksej N. Kossygin sowie die Außenminister der beiden Staaten in Anwesenheit von Leonid Breschnew den "Moskauer Vertrag über Gewaltverzicht und Unverletzlichkeit der bestehenden Grenzen".

Im Dezember 1970 reist Willy Brandt nach Polen, um den "Warschauer Vertrag" zu unterzeichnen. Der Tag der Vertragsunterzeichnung wird zu einer bewegenden Demonstration des Versöhnungswillens des Bundeskanzlers. Willy Brandt kniet spontan bei der Kranzniederlegung am Mahnmal für die im Warschauer Ghetto von SS-Einheiten im Jahre 1943 ermordeten Juden nieder.

Willy Brandt bringt auch Bewegung in die Deutschlandpolitik. Am 19. März 1970 trifft er den DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph in Erfurt. Es ist das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen und bereits am 21. Mai 1970 findet ein zweites Treffen in Kassel statt. Im Dezember 1972 wird nach zähen Verhandlungen der Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR unterzeichnet.

Am 20. Oktober 1971 debattiert der Deutsche Bundestag über den Haushalt 1972. Überraschend wird die Sitzung durch den Bundestagspräsidenten unterbrochen und Kai-Uwe von Hassel teilt dem Hohen Haus mit, dass soeben ein Telegramm mit einer Nachricht des Nobel-Komitees eingetroffen sei in dem mitgeteilt werde, dass Bundeskanzler Willy Brandt der Friedensnobelpreis des Jahres 1971 verliehen werden soll. Am 10. Dezember 1971 wurde Willy Brandt, nach Gustav Stresemann (1926), Ludwig Quidde (1927) und Carl von Ossietzky (1935), der Friedensnobelpreis in Oslo verliehen.

Am 27. April 1972 nutzt die Opposition die abbröckelnde Mehrheit der sozialliberalen Koalition im Bundestag zu einem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Willy Brandt. Die Union will Brandt stürzen und ihren Fraktionsvorsitzenden Rainer Barzel zum Bundeskanzler wählen. Bei der geheimen Abstimmung erreicht Rainer Barzel nicht die erforderliche Mehrheit im Bundestag. Willy Brandt bleibt Bundeskanzler.

Im Bundestag besteht im Jahre 1972 ein Patt zwischen den Regierungsparteien und der Opposition, das nur durch Neuwahlen überwunden werden kann. Am 20. September 1972 stellt Bundeskanzler Willy Brandt nach Artikel 68 des Grundgesetzes im Bundestag die Vertrauensfrage um Neuwahlen zu ermöglichen. Weil die Abgeordneten der Regierungskoalition der Abstimmung fernbleiben, verweigert die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten ihr Vertrauen. Daraufhin schlägt Brandt Bundespräsident Heinemann vor, den Bundestag aufzulösen und für November 1972 Neuwahlen anzuberaumen. Der Bundespräsident stimmt zu.

Willy Brandt hat die SPD bei den Bundestagswahlen im November 1972 zum besten Ergebnis in ihrer mehr als 100 jährigen Geschichte geführt: 45,8 Prozent der Wählerstimmen. Willy Brandt wird im Amt des Bundeskanzlers bestätigt. Die sozialliberale Koalition kann ihre Arbeit fortsetzen. Der FDP-Vorsitzende Walter Scheel bleibt Außenminister und Vizekanzler.

Am 7. Juni 1973 reist Willy Brandt als erster deutscher Bundeskanzler nach Israel. Am 26. September 1973 werden die beiden deutschen Staaten, "unbeschadet ihrer besonderen Beziehungen", in die Vereinten Nationen aufgenommen und Willy Brandt spricht als erster deutscher Regierungschef in New York vor der UNO-Generalversammlung.

Ausdruck der verbesserten Beziehungen zum Osten ist der erste Besuch eines sowjetischen Staats- und Parteichefs im Mai 1973 in der Bundesrepublik Deutschland. Als letztes Abkommen in der Reihe der Ostverträge wird am 1. Dezember 1973 der Deutsch-Tschechoslowakische Vertrag in Prag unterzeichnet.

Im Mai 1974 wird der Persönliche Referent Willy Brandts, Günter Guillaume, als DDR-Spion enttarnt und verhaftet. Willy Brandt, ermüdet und deprimiert, zieht angesichts der aktuellen Probleme "Konsequenzen aus den Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Agentenaffäre Guillaume". Er tritt am 6. Mai 1974 von seinem Amt als Bundeskanzler zurück. Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers wird der Finanzminister der sozialliberalen Koalition Helmut Schmidt. Willy Brandt bleibt Vorsitzender der SPD.

Auf dem Parteitag der SPD 1975 in Mannheim stellt sich die Partei mit ihrem Vorsitzenden Willy Brandt geschlossen hinter die Regierung Helmut Schmidts. Für Brandt ist es fortan eine zentrale Aufgabe, die Regierung zu stützen und ihr "den Rücken freizuhalten".

Das Symbol für die Führungsspitze der SPD ist die so genannte Troika: Willy Brandt als Parteivorsitzender, Helmut Schmidt als Bundeskanzler und Herbert Wehner als Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag.

Auf dem 13. Kongress der Sozialistischen Internationale (SI) in Genf wird Willy Brandt am 26. November 1976 zum Präsidenten gewählt und bleibt bis zum September 1992 in diesem Amt. Unter Brandts Führung erfährt die SI tief greifende organisatorische und strukturelle Veränderungen, wodurch die Arbeitsfähigkeit und Effektivität der Organisation erheblich verbessert wird.

Im Jahre 1977 bittet Robert McNamara, der Präsident der Weltbank, Willy Brandt, den Vorsitz einer "Unabhängigen Kommission für Internationale Entwicklungsfragen" ("Nord-Süd-Kommission") zu übernehmen. Brandt hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine Vielzahl politischer Verpflichtungen zu erfüllen. Er ist Vorsitzender der SPD, Präsident der Sozialistischen Internationale, Mitglied des Deutschen Bundestages und kandidiert auf Platz 1 der SPD-Liste zur ersten direkten Wahl des Europäischen Parlamentes. Gleichwohl sagt Brandt zu, diese zusätzliche Aufgabe zu übernehmen.

In den Jahren von 1979 bis 1983 ist Willy Brandt Mitglied des Europäischen Parlaments.

Willy Brandt kann für eine Mitarbeit in der Nord-Süd-Kommission namhafte Politiker und Experten aus verschiedenen Entwicklungs- und Industrieländern gewinnen. Die Beratungen nehmen über zwei Jahre in Anspruch. Am 12. Februar 1980 legt die Kommission in New York dem Generalsekretär der Vereinten Nationen den "Nord-Süd-Bericht" vor. Sein vollständiger deutscher Titel lautet: "Das Überleben sichern. Gemeinsame Interessen der Industrie -und Entwicklungsländer". Die Studie wird allgemein unter dem Namen "Brandt-Report" bekannt und erregt weltweit große Aufmerksamkeit.

Bei den Bundestagswahlen im März 1983 muss die SPD große Stimmenverluste hinnehmen. Die Regierung der christlich-liberalen Koalition aus CDU/CSU und FDP unter Bundeskanzler Helmut Kohl wird durch die Wahl bestätigt. Außenminister bleibt Hans-Dietrich Genscher (FDP). Erstmals schafft die Partei der "Grünen" den Einzug in den Bundestag.

Der Deutsche Bundestag billigt im November 1983 mit knapper Mehrheit die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen auf Bundesgebiet. Die ersten Raketen treffen im Dezember 1983 auf westdeutschem Boden ein.

Im Dezember 1983 heiratet Willy Brandt die aus Bremen stammende Historikerin und SPD-Journalistin Brigitte Seebacher. 1979 hatte er sich von seiner Frau Rut getrennt.

1984 wurde Willy Brandt mit dem Dritte-Welt-Preis in New York ausgezeichnet und im darauf folgendem Jahr erhält er in Washington den Albert-Einstein-Friedenspreis. In Moskau trifft Brandt 1985 erstmals mit dem kommunistischen Reformpolitiker Michail Gorbatschow zusammen. 1986 gründet Willy Brandt die "Stiftung Entwicklung und Frieden".

Im Frühjahr 1987 ist der Posten des SPD-Parteisprechers neu zu besetzen, die von ihm vorgeschlagene Pressesprecherin Margarita Mathiopoulos stößt in der Partei auf starke Kritik. Für Brandt ist dies Anlass, auf dem außerordentlichen Parteitag der SPD am 23. März 1987 in Bad Godesberg als Parteivorsitzender zurückzutreten. Willy Brandt wird zum Ehrenvorsitzenden der SPD gewählt und als sein Nachfolger im Amt des SPD-Parteivorsitzenden wird Hans-Jochen Vogel bestätigt.

Im Januar 1989 gibt Bundespräsident Richard von Weizsäcker anlässlich Brandts 75. Geburtstag einen großen Empfang, zu dem auch zahlreiche ausländische Politiker, Staats- und Regierungschefs geladen sind.

Am Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989, spricht Willy Brandt zu Tausenden von Menschen aus West und Ost vor dem Rathaus Schöneberg. Willy Brandts Ausspruch, "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört", wird zu einem Leitmotiv für den beginnenden Vereinigungsprozess. Willy Brandt ist dankbar, dass er den Fall der Berliner Mauer im Alter von 76 Jahren noch miterlebt.

Noch in der Illegalität entstand 1989 unter dem Kürzel SDP eine sozialdemokratische Partei in der DDR. Willy Brandt wurde rasch zum Mentor der jungen Partei, die sich Anfang 1990 in SPD umbenennt. Auf dem ersten ordentlichen Parteitag der SPD in der DDR wird Willy Brandt am 24. Februar 1990 zum Ehrenvorsitzenden gewählt.

Im November 1990 erreicht Willy Brandt in persönlichen Gesprächen mit dem irakischen Präsidenten Sadam Hussein die Ausreise von 193 im Irak als Geiseln festgehaltenen Ausländern aus dem kriegsbedrohten Land. Am 20. Dezember 1990 eröffnet Willy Brandt als Alterspräsident im Berliner Reichstagsgebäude die Sitzung des ersten gesamtdeutschen Bundestages.

1991 spricht sich der Bundestag auf Antrag Willy Brandts mit 338 zu 320 Stimmen für Berlin als neuen Regierungssitz aus.

Am 8. Oktober 1992 stirbt Willy Brandt an einem Krebsleiden in seinem Haus in Unkel bei Bonn. Auf Anordnung des Bundespräsidenten wird Willy Brandt, als erster demokratischer Staatsmann seit Gustav Stresemann, mit einem Staatsakt im Berliner Reichstag geehrt. Staatsoberhäupter, Regierungsvertreter und Politiker aus aller Welt erweisen ihm die letzte Ehre. Willy Brandt findet auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf seine letzte Ruhestätte.



Zitate von Willy Brandt


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