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Andreas Stahl

* 21.11.1965


"Ja, ja, so ist das Leben: Ein Kommen und ein Gehen."
Dies waren so in etwa die ersten Worte, die an mein kindliches Ohr drangen. Soeben geboren, hinauskatapultiert ins graue Nachmittagslicht eines novemberlichen Sonntags. Es strmt und schneit. Whrend ich mich der Welt verstndlich zu machen mich mhe, steht der Hausarzt am Fenster, verklrt blickt er dem soeben vorbeiziehenden Trauerzug nach und lt mich ber den ersten Aphroismus meines Lebens nachdenken.
Nun, dies klingt alles viel zu kitischig als das es wahr sein knnte. Und doch: Genauso wurde mir das Ereignis geschildert.

Geboren wurde ich am 21. November 1965, nachmittags, fast punktgenau auf dem hchsten Flecken des Westerwaldes, eine Hausgeburt. Wohlbehtet wuchs ich auf. Sorgen, Probleme, Nte hatte ich nicht wirklich.
Auch keine Geschwister.

Ich ging zur Schule, lernte Lesen, Schreiben, Rechnen.
Sogar hochdeutsch !
(Allerdinggs eass pladd schwdtze fill schiehnearr unn eahrrlicherr weahj deass Huchdeutsche. Pladdschweadtze eass eahchenddwahj weahj noah hamm komme. Imm weahjfill earrmearr eass daah doch deass Huchdeutsche).

Meine Schulleistungen waren ber all die Jahre hinweg konstant. Meinen eigenen stillschweigenden Anspruch einen Gesamtnotenschnitt zu erzielen, der besser war als 2,5 konnte ich, meine ich, ber alle Schuljahre und Schulen hinweg auch erfllen. Selbst durch die Vielfalt chemischer Reaktionen vermochte ich mich hindurch zu mogeln.

Ich wurde lter, erhielt ein Mofa, begann eine Ausbildung, wurde noch lter und stieg zum Autofahrer auf: Mein erster B-Kadett ! (Heute besitze ich meinen Dritten).

Rund drei Jahre waren es, die ins Land zogen. Der B-Kadett war noch da als meine Berufsausbildung ein abruptes Ende fand, als zertifizierter Verwaltungsfachangestellter streifte fortan ich umher. Streifte ich umher und schaute mich um, hrte zu. Ehe ich mich versah war es geschehen: Die Fachhochschulreife hatte mich eingeholt.

Ich versuchte zu entfliehen, Zivildienst in Bad Ems, Finanzanwrter in Mainz und Edenkoben. Es nutzte nichts. Unbarmherzig verfolgte mich die Hochschule. Wohin ich auch gehen mochte, ich vermochte nicht sie abzuschtteln.
Und dann war es geschehen, die Flucht hatte ein Ende und ich studierte Betriebswirtschaftslehre ! (Heute frage ich mich was aus mit htte werden knnen, htte ich eine universitre Zugangsberechtigung besessen).

Angepatheit und Stromlinienfrmigkeit befremdeten mich. Betriebswirtschaftlichen Opportunittsdenkens fremd wurde ich studentischer Sprecher, wurde in AStA (Regierung) und StuPa (Parlament) gewhlt. Der Name unserer studentischen Liste lautete: "Hotzenplotz & Hlzenbein and friends" (seit jener zeit hat mich der frchterliche Ruber Hotzenplotz als alter ego adoptiert).

Ich wurde Grndungsmitglied eines Slums in Gieen, Verein fr soziales Leben und Mieten e.V. (SLUM e.V.). Aus dem Verein wurde eine GmbH, so zog ich weiter. (Im Jahre 2007 sollte mir sozusagen posthum die Brgerdoktorenwrde der Stadt Gieen hierfr verliehen werden).

Lneburg ist eine schne und angenehme Stadt. Wie wohl htte ich mich hier fhlen knnen
Alleine der Personalchef entpuppte sich als Lgenbold, vermochte sich an Verabredungen zu Zusagen nicht mehr zu erinnern. Beim FC St. Pauli fand ich Kurzweil und Zerstreuung, whrend ich meinen Wert auf dem Arbeitsmarkt neu zu bestimmen suchte.

Es kam wie es kommen mute. Frust kann zu vielem fhren, mich fhrte er nach Knigstein im Taunus. Knigstein/Ts., die Stadt der Schnen und Reichen. Und derjenigen, die sich dafr halten.
Blickte ich aus dem Fenster, erhob sich mir vor Augen das Anwesen des Baulwen Schneider. Beide zogen wir weiter. Whrend allerdings Schneider eine 24 Stunden Rundum-Versorgung sich gnnte, lie mich der Fron der Arbeit am Neuen Markt stranden.

Ob ich nun mein Refugium gefunden hatte? Nahezu unbemerkt hatte ich ein Studium der Gesundheitswissenschaften in Bielefeld absolviert, nebenbei, so ganz fertig war ich zwar noch nicht, doch nun war ich Referent fr Altenpflegeeinrichtungen geworden, verdiente richtig viel Geld.
Und hatte Stress.

Es gibt Menschen, die besitzen Aktien. Mittels spekulativen Vorgehensweisen sind sie bemht andere zu hintergehen. Whrend sie reicher werden, wird die Gesellschaft rmer. Mein Refugium entpuppte sich als formale Verquickung unterschiedlichster Gesellschafts- und Rechtsformen, Aktien waren auch dabei. Ich lernte Neustadt am Rbenberge kennen und beendete mein Studium. Das war auch gut so nur drei Monate nach meinem Ausscheiden hatte das Firmensammelsurium Konkurs angemeldet.
(Dass der Firmenpatriarch zuvor zum Unternehmer des Jahres nominiert gewesen war spielte nicht mehr wirklich noch eine Rolle).

Was macht ein Man im besten Alter, Betriebswirt und Gesundheitswissenschaftler, viel herumgereist, berufserfahren und engagiert fragte ich mich.
Ich dachte nach und fand eine Lsung: Ich ging zur Polizei! (was ja eigentlich nahe liegend ist).

Hessen sollte mich zurckerhalten.
Whrend Wiesbaden winkte zog ich nach Hohenstein und pendelte werktglich in die Landehauptstadt.
Bei der Polizei geht es genau zu, alles ist geordnet und reglementiert. So half ich viele neue Regeln zu erstellen. Als ich Wiesbaden verlie hatte das Polizeiprsidium in Wiesbaden ein neues Buchhaltungssystem. Auerdem war das Computerwesen auf SAP umgestellt, der Verwaltungsaufwand deutlich angestiegen. Dafr gab es weniger Polizeistellen.

Bediensteter des Landes Hessen bin ich noch immer, nunmehr aber wieder in der Hochschullandschaft.
Noch klingen mir die Worte eines Kollegen im Ohr, "im Vergleich zur Polizei sei eine Hochschule etwas anarchischtischer organisiert" gab er mir mit auf den Weg um sich unmittelbar zu korrigieren, "nein", sagte er, "im Vergleich zur Polizei (bei der alles berreglementiert sei) sei eine Hochschule gleichzusetzen mit Anarchie pur."

Nun mu "Anarchie pur" zweifelsohne als gesellschafts-philosophisches Ideal angesehen werden, stellt Anarchie doch so etwas dar wie den geirdeten christlichen Himmel andere Menschen interpretieren ihre eigenen Phantasien in den Begriff hinein. Dann wird es gewaltttig.
Die Hochschullandschaft ist nicht gewaltttig geworden. Wirtschaftlich betrachtet wird nunmehr, was dereinst demokratisch geregelt war. Gelder flieen. Staatlich in die Hochschulen. Autonom wieder hinaus. ber all diesem sind wissenschaftliche Streitkulturen verloren gegangen. So wirken Hochschulen doch gewaltttig.
Einige Kinder habe ich in all den Jahren gezeugt sie waren geistiger Natur.
Ein Haus habe ich gekauft, ein anderes geerbt, eines im Untertaunus, das andere im Westerwald. Beides ist ungemein praktisch, pendle ich doch viertgig jede Woche nach Frankfurt am Main. Fahrzeiten mssen nicht ausschlielich Beobachtungs- oder Schlafzeiten sein, sie knnen auch Schreibzeiten sein.

Reisen enden irgendwann. Auch Leben, selbst Lebenslufe.
Jeder Reise und jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Beruflich, wie auch privat bin ich neuen Herausforderungen nicht abgeneigt.

Andreas Stahl
im Mrz des Jahres 2008 / Oktober 2010


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