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Mißverstandene Antike. Es wäre nicht unnütz, einmal eine Geschichte der mißverstandenen Antike zu schreiben. Mißverstandene Antike ist immer Rom. Griechenland ist überhaupt nicht »Antike«, sondern irgendwie Moderne. Römische Antike hat immer etwas von einem pompösen ...
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
— Das Intellektuelle muß vollkommen oxydiert sein durch den künstlerischen Prozeß.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
Liebesaffäre. Man versuche zu entdecken, daß es außer der sicher höchst wichtigen Frage, ob sich zwei Menschen lieben und schließlich heiraten, noch einige andere, vielleicht wichtigere, vielleicht selbst interessantere Probleme gibt. Man sollte das Amoureuse, gleichviel ob süßlila oder purpurrot, nebenbei erledigen wie eine Privatangelegenheit von zweifelhaftem Geschmacke. Warum sind die großen alten Romane so interessant? Weil so wenig darin geliebt wird. Eine reinliche Scheidung zwischen Erzähler und Heiratsvermittler empfiehlt sich: die ersten in die Literatur, die andern in den Annoncenteil!
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
Es gibt wenige Dinge, die über einen Menschen so aufschlußreich wären, wie die Stellen, die er zu seinem eigenen Gebrauch in Büchern anstreicht oder aus ihnen für sich abschreibt.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
Die Luft ist frischer in diesen Schweizer Büchern. Es ist nicht unsere verdammte Stuben- und Schul- und Bücherzimmerluft. Daran ist nur das liebe Schwyzer Dütsch schuld, das wie eine urkräftige die eigentliche Lebensluft ist, in der die Schriftsprache atmet und gedeiht. Die Schweizer schreiben ein geadeltes Schwyzer Dütsch bis in ihre höchste Prosa hinein.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
Gedankenkunstwerk? Wir erkennen keine Gedankenmalerei an, auch da nicht, wo sie sich mit bescheidener Arroganz als Griffelkunst definiert. Wir bringen nicht einmal mehr so viel Geduld auf, um die Ideenmusiziererei eines Liszt historisch erträglich zu finden (historisch lebt nämlich gar nichts; entweder es lebt, oder es ist historisch): und wir sollten ein formloses Buch entschuldigen, weil es ein Gedankenroman ist? Ich bin, wie jener Engländer, dafür, daß man mir die Haare und die Suppe gesondert serviert. Gedanken? Sehr gut! Ein Roman? Ausgezeichnet! Gedankenroman? Kellner, zahlen!
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
Land der Prosa. Frankreich ist das klassische Land der Prosa, das Land, in welchem die Prosa klassisch geworden ist. Alles, was irgendwie in die Prosa einschlägt, hat Tradition und Feinheit (Briefe, Memoiren). Was sich vom Grand Siede am besten gehalten hat und heute noch ohne weiteres Genuß bereitet, ist seine Prosa. Eine Erzählung wie die Princesse de Clèves ist in ihrer Art von zeitloser Vollendung.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955