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Plagiat. Wie unbekümmert Hofmannsthal herübernimmt, dafür ein Beispiel. »Irgend auf einer Wiese laufen zwei Fohlen. Vielleicht wird eines davon einmal deinen Leichen wagen ziehen, eines den meinigen.« Das ist natürlich bewußt aus Mörike genommen. Nur ein Dichter, der selbst über so einen unerschöpflichen Reichtum an Bildern und Gleichnissen verfügt, darf sich erlauben, was einem ärmeren als Plagiat vorgeworfen würde. Der Begriff des literarischen Eigentums ist auch nicht von den Großen erfunden worden, sondern von den Kleinen.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
Reife. Die Zeit geht über hastige Kunstwerke mit einer Gelassenheit zur Tagesordnung, durch die sich die Künstler belehren lassen sollten. Los ouvrages bien ecrits seuls passeront ä l’eternite.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
Manier. Das Temperament ist ein guter Gaul, aber ein schlechter Reiter. In der Kunst entscheiden zuletzt andere Dinge, als Temperament. Mit Temperament kann man ein, zwei Bücher hinwerfen. Dann läßt es aus, oder, was noch schlimmer, es wird zur Manier, zum Klischee.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
- Mag die Leidenschaft noch so wild sein, mit der ein Buch hingewühlt ward, die letzte Hand muß der Dichter in Stunden anlegen, wo seine Seele ruhig und heiter ist; sonst bekommen wir fraglos ein menschliches Dokument, aber ein fragwürdiges Kunstwerk.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
Wagner. Allerdings ist die Ermüdung eine wesentliche Voraussetzung der Wagner’schen Kunst; sie entwickelt die Fähigkeit, durch Klangwogen hypnotisiert zu werden.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
— Das Intellektuelle muß vollkommen oxydiert sein durch den künstlerischen Prozeß.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955
Gerhart Hauptmann. Die Jubiläumsliteratur für Gerhart Hauptmann war im allgemeinen festlich, das heißt, völlig kritiklos ... Sein allzu früher Ruhm, das gewaltsame Hinaufgeschraubtwerden auf das Klassiker-Piedestal war Hauptmanns Unglück. Damals begann die Berliner Kritik mit jedem jungen Talent durch dick und dünn zu gehen, aus purer Angst, sie könne sich blamieren.
Quelle: "Form ist alles. Aphorismen." Ausgewählt von Ralph Rainer Wuthenow. R. Piper-Verlag, München - 1955